Vom Streben nach Glück

Vom Streben nach Glück

Ich bin Marina, ich lebe in Berlin.

Vor einigen Jahren habe ich damit angefangen, mich für meine Familiengeschichte zu interessieren, Archive anzuschreiben und meine älteren Verwandten zu diesem Thema zu befragen.

Sehr bald bin ich zu der Einsicht gelangt, dass das was ich in der russischen und später in der deutschen Schulen gelernt habe, wenig zu meinem Geschichtsverständnis beigetragen hat. Im Gegenteil. Ich stellte fest, dass unser kollektives Familiengedächtnis große Löcher aufweist und es viele meiner Verwandten nicht wissen, was in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit unseren Familien geschehen ist.

Ich fragte mich, wie wir aus Gründen der Familienzusammenführung in die BRD umsiedeln konnten. Das hätte bedeutet, dass irgendeiner von uns in der BRD schon sein musste. Aber wie geht das nach 225 Jahren Abwesenheit? Und so habe ich die Antworten in Büchern und Archiven gesucht, einige Dokumente haben bei verschiedenen Verwandten die Zeit überdauert.

Alte Fotos, von denen selten einer weiß, wer dort abgebildet ist. Aber auch Erinnerungen, die durch gemeinsame Gespräche plötzlich in unser Bewusstsein zurückkehren. Und so haben sich die kleinen Schnipsel wie ein Puzzle zu einem Bild zusammengefügt.

Die meisten Russlanddeutschen vor dem Zweiten Weltkrieg haben sich der Mehrheitsgesellschaft ferngehalten – haben sich nicht assimiliert. Im Verlauf der aufkommenden Nationalstaaten in den Jahren nach 1870, nachdem das vor Kraft strotzende Deutsche Kaiserreich Nationalstaat geworden war, sind die Deutschen in Russland zwischen die Fronten geraten.

Diese Menschen auf den alten Fotografien unserer Vergangenheit schauen zu uns, ihren Nachkommen, wir aber kennen oft ihre Namen nicht. Besonders dann nicht, wenn diese Menschen früh aus dem Leben gewichen sind, dann verschwinden sie noch schneller aus dem Gedächtnis der Lebenden.

In der Stadt Engels nahe Saratow kann seit 2011 das Deportierten-Denkmal besichtigt werden, das stellvertretend für diese Geschichte steht – die wenigen Deutschen die dort noch leben, werden mehr oder weniger geduldet.

Ein wichtiges persönliches Anliegen ist mir, unsere russlanddeutsche und besonders die wolgadeutsche Geschichte selbst zu erzählen. Wenn wir aus eigenem Antrieb Nachforschungen unternehmen und uns in unserer Geschichte wiederentdecken, stärken wir das eigene Selbstbewusstsein.

Gerne möchte ich von meinen Nachforschungen zu meiner unmittelbaren Familie und allgemein zur Geschichte der Wolgadeutschen berichten. Davon, welche Leben unsere Vorfahren gelebt haben. Es sind viele Familien in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts aus verschiedenen Gründen unwiederbringlich auseinandergerissen worden. Viele sind unbekannt verschwunden, haben sich nicht wieder gefunden oder sich durch diese schweren Zeiten entfremdet.

Aber auch die immerwährende Lebenslust und das stete Streben nach Glück möchte ich mit meinen Aufzeichnungen festhalten. Interessant ist auch wohin es die Nachfahren der Wolgasiedler überall verschlagen hat und, wenn sich diese bei mir melden und wir gemeinsam die Geschichte erkunden, welche neuen Erkenntnisse wir dann gewinnen.

Marina Ginter, 1974 in Kasachstan geboren.

Erscheint im Sommer 2022

Ich bin Marina, ich lebe in Berlin.

Vor einigen Jahren habe ich damit angefangen, mich für meine Familiengeschichte zu interessieren. Archive anzuschreiben und meine älteren Verwandten zu diesem Thema zu befragen.

Sehr bald bin ich zu der Einsicht gelangt, dass das was ich in der russischen und später in der deutschen Schulen gelernt habe, wenig zu meinem Geschichtsverständnis beigetragen hat. Im Gegenteil. Ich stellte fest, dass unser kollektives Familiengedächtnis große Löcher aufweist und es viele meiner Verwandten nicht wissen, was in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit unseren Familien geschehen ist.

Ich fragte mich, wie wir aus Gründen der Familienzusammenführung in die BRD umsiedeln konnten. Das hätte bedeutet, dass irgendeiner von uns in der BRD schon sein musste. Aber wie geht das nach 225 Jahren Abwesenheit? Und so habe ich die Antworten in Büchern und Archiven gesucht, einige Dokumente haben bei verschiedenen Verwandten die Zeit überdauert.

Alte Fotos, von denen selten einer weiß, wer dort abgebildet ist. Aber auch Erinnerungen, die durch gemeinsame Gespräche plötzlich in unser Bewusstsein zurückkehren. Und so haben sich die kleinen Schnipsel wie ein Puzzle zu einem Bild zusammengefügt.

Die meisten Russlanddeutschen vor dem Zweiten Weltkrieg haben sich der Mehrheitsgesellschaft ferngehalten – haben sich nicht assimiliert. Im Verlauf der aufkommenden Nationalstaaten in den Jahren nach 1870, nachdem das vor Kraft strotzende Deutsche Kaiserreich Nationalstaat geworden war, sind die Deutschen in Russland zwischen die Fronten geraten.

Diese Menschen auf den alten Fotografien unserer Vergangenheit schauen zu uns, ihren Nachkommen, wir aber kennen oft ihre Namen nicht. Besonders dann nicht, wenn diese Menschen früh aus dem Leben gewichen sind, dann verschwinden sie noch schneller aus dem Gedächtnis der Lebenden.

In der Stadt Engels nahe Saratow kann seit 2011 das Deportierten-Denkmal besichtigt werden, das stellvertretend für diese Geschichte steht – die wenigen Deutschen die dort noch leben, werden mehr oder weniger geduldet.

Ein wichtiges persönliches Anliegen ist mir, unsere russlanddeutsche und besonders die wolgadeutsche Geschichte selbst zu erzählen. Wenn wir aus eigenem Antrieb Nachforschungen unternehmen und uns in unserer Geschichte wiederentdecken, stärken wir das eigene Selbstbewusstsein.

Gerne möchte ich von meinen Nachforschungen zu meiner unmittelbaren Familie und allgemein zur Geschichte der Wolgadeutschen berichten. Davon, welche Leben unsere Vorfahren gelebt haben. Es sind viele Familien in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts aus verschiedenen Gründen unwiederbringlich auseinandergerissen worden. Viele sind unbekannt verschwunden, haben sich nicht wieder gefunden oder sich durch diese schweren Zeiten entfremdet.

Aber auch die immerwährende Lebenslust und das stete Streben nach Glück möchte ich mit meinen Aufzeichnungen festhalten. Interessant ist auch wohin es die Nachfahren der Wolgasiedler überall verschlagen hat und, wenn sich diese bei mir melden und wir gemeinsam die Geschichte erkunden, welche neuen Erkenntnisse wir dann gewinnen.

Marina Ginter, 1974 in Kasachstan geboren.

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